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Online Musik Magazin - Rezension zur Premiere        www.OMM.de

Britische Kult-Operette in Mettmann

Patience oder Damen, Dichter & Dragoner von Gilbert und Sullivan in Deutscher Erstaufführung

Premiere am 19. Januar 2001 in Mettmann in der Aula des Konrad-Heresbacher Gymnasiums

Von Meike Nordmeyer

Heiß geliebt werden in England die "Comedy Operas" des Dichters William S. Gilbert und des Komponisten Arthur S. Sullivan. Zahlreiche Ensembles haben diese schwungvollen Opern ständig im Repertoire. Auch im Internet zeigt sich die Verehrung, es gibt das Gilbert und Sullivan Archive, das Savoynet, einen Webring und noch einige andere Angebote mehr, die von der Anhängerschaft dieser Opern zeugen.

Die hierzulande weniger bekannten Werke repräsentieren in besonderer Weise den eigenen Typ der englischen Operette und gelten zugleich als Vorläufer des heutigen Musicals. Vierzehn an der Zahl, werden die Opern von Gilbert und Sullivan übrigens auch nach dem Londoner Uraufführungstheater "Savoy Operas" genannt. Die Werke erfreuten sich nach den Premieren in London größter Beliebtheit und gingen um die Welt. Am bekanntesten wurde damit namentlich Der Mikado oder Ein Tag in Titipu. Der ungeheure Erfolg des Stückes kann durch folgende Zahl deutlich werden: Als es zwei Jahre nach der Londoner Uraufführung 1888 erstmals in Wien erschien, war es bereits 9000mal in aller Welt gespielt worden. Ein wenig von dem großen Erfolg ist den Comedy Operas zumindest in England durch eine treue Fangemeinde erhalten geblieben.

Fern von London, in der Kreisstadt Mettmann, gab es nun bereits seit drei Jahren ein großes engagiertes Unternehmen, an dem bis zu 100 Musiker, überwiegend Laien, beteiligt waren: Man hatte sich die Aufführung der Patience oder Damen, Dichter & Dragoner von Gilbert und Sullivan zum Ziel gemacht. Am Anfang stand da zunächst die sprachliche Bearbeitung. Durch eine Übersetzung sollte sich der Humor und die Spritzigkeit der Patience dem deutschen Publikum besser erschließen können. Birgit Casaretto und Stephan Kogelschatz vom Classicats MusikTheater aus Düsseldorf haben den deutschen Text erarbeitet. Wie sich in der Aufführung zeigen sollte, gelang ihnen sehr gut die Übertragung in frische heutige Sprache. Anspielungen auf Prominente, auf Dichter und Denker wurden angemessen und treffsicher heutigen Gegebenheiten angepasst.

Das Sängerensemble der Classicats sollte von dem VHS-Orchester Mettmann und Wülfrath unter der Leitung von Karl-Heinz Kensche begleitet werden. Mehrere Vokalensemble, nämlich das Vokalensemble der Musikschule Mettmann und Mitglieder verschiedener anderer Chöre wie die Senfkörner und der Schubertchor in Mettmann konnten zudem für das Projekt gewonnen werden. So hatte sich eine große Schar engagierter Musikbegeisterter daran begeben, die Patience mit viel Geduld einzustudieren - ein großes, außergewöhnliches wie ehrgeiziges Projekt also. Endlich war es nun soweit, die Produktion fand in der voll besetzten Aula des Konrad-Heresbacher Gymnasium seine Premiere.

Gespielt wurde freilich auf kleiner Bühne, der Platz war stark eingeschränkt, da der Aufbau für weitere Aufführungen andernorts portabel sein muss. Dennoch konnte konzentriertes, bewegtes Spiel gezeigt werden, das geschickt von Regisseur Andreas Beaugrand arrangiert wurde. Eine Reihe von witzigen Einfällen wurde geboten. Herausragend war da der spielerische Einsatz von Thorsten Klein als Archibald. Mit impulsiven Sprechen und humorvollem, selbstironischem Tänzeln erfreute er das Publikum. Gut gespielt und beachtlich gesungen wurde auch die Figur des Reginald Bunthorne von Tim Sander, der fast die ganze Zeit über auf der Bühne zu agieren hatte.

Besonders Freude machten die Soldaten, die Dragoner, angeführt von Reinhard Dix als Colonel. Sie traten stets temperamentvoll auf und boten dabei pointiert zusammenstimmenden Gesang, der witzig das Geschehen kommentierte. Das Publikum bog sich vor Lachen, kaum dass die Mannen auftraten. Volltönig und anspruchsvoll, gekonnt schnell parlierend erklang Reinhard Dix als Colonel. Die Besetzung des Sängerensemble war verständlicherweise von unterschiedlichem Niveau. Nicht immer alles geriet unproblematisch und ohne Schwierigkeiten, hatte man sich doch wahrlich viel vorgenommen mit einem abendfüllenden Operettenwerk. Gut gespielt wurde die Hauptrolle der Milchmagd Patience von Birgit Casaretto, mit einigen Einschränkungen auch schön gesungen. Gesanglich fielen Anette Leu als Angela und Irina Guilman als Saphir besonders gut auf, sie verfügen aber auch über entsprechende Ausbildung. Anette Leu zeigte daher auch professionelle Bühnenpräsenz. Auch Juliane Löffler als Jane erklang recht gut.

Die Begleitung durch das Orchester erwies sich als sehr engagiert, dabei freilich nicht immer ganz stimmig, war doch mit dem umfangreichen Werk eine enorme Menge an Notentext zu bewältigen. Streckenweise erklang das Laienorchester aber sehr beachtlich, vor allem die Holzbläser erbrachten verlässliches, klangschönes Spiel. Sicher erklang dazu der Chor mit klarem Gesang bei Damen und Herren. Das Männerensemble wusste die Dragoner auf der Bühne gut zu unterstützen.

Großen Spaß gemacht hat die Aufführung allen Anwesenden, Mitwirkenden wie Publikum, und dieses Gemeinschaftserlebnis ist das gewinnende an der Produktion. Eine heitere Aufführung der Comedy Opera Patience konnte da live und hautnah erlebt werden, und das Publikm zeigte sich begeistert. Einschränkungen in der musikalischen Ausführung, die mitunter deutlich hörbar wurden, sind natürlich hinzunehmen, wie könnte es auch anders sein. Aber gerade das Engagement zu spüren, so wie auch durchaus immer wieder das Lampenfieber, das lässt einen ganz nah dabei sein und an einem intensiven Abend teilnehmen. Eine originelle Gelegenheit eine G-undS-Oper kennenzulernen!

Rheinische Post, Mettmann, 23.Januar 2001

Viel Beifall für die deutsche Opern-Uraufführung von “Patience” / Solisten kamen von “Classicats”
Lovestory mit englischem Humor gewürzt

METTMANN. Wenn ein routiniertes Tourneetheater in der Stadthalle einen gelungenen Opernabend “hinlegt”, ist man zufrieden. Wenn aber das große Orchester der Volkshochschule Mettmann-Wülfrath und ein Vokalensemble aus Düsseldorf sich unter der Leitung von Karl-Heinz Kensche an die Aufführung einer komischen Oper aus dem 19. Jahrhundert wagen, durfte man gespannt sein. Unterstützt wurden sie vom Frauenchor der Musikschule unter der Leitung von J. Markus Lachenmeier und von Mitgliedern des evangelischen Kirchenchores “Senfkörner” sowie von Mitgliedern des Schubertchores. Um es gleich vorweg zu sagen: Das Publikum in der fast vollen Aula des KHG war begeistert, spendete immer wieder Szenenapplaus und holte sich mit seinen Ovationen am Ende sogar eine Zugabe heraus.

Zwischen Operette und Musical
Was die Zuschauer in den drei Stunden der Aufführung erlebten, war nicht nur die deutsche Erstaufführung der englischen Oper “Patience”, Text von William S. Gilbert, Musik von Arthur S. Sullivan, sondern auch ein Bühnenstück, stilistisch zwischen Operette und Musical angesiedelt, mit witziger, einfallsreicher Musik und einer amüsanten Handlung, die wahre Lachstürme auslöste. Und das alles locker und spritzig gespielt, gesungen und musiziert.
 

Ein gelungenes musikalisches Verwirrspiel mit Eifersüchteleien. Hier ein Szenenfoto mit dem Mädchen Patience im Streit mit den anderen Frauen des Dorfes. Bei der Premiere gab´s viel Beifall.

Die durchweg jungen Gesangssolisten kamen vom Musiktheater “Classicats” aus Düsseldorf unter der Leitung und Einstudierung von Reinhard Dix, der selbst einen gravitätischen Colonel mit kräftigem Bass sang. Er führt die Gruppe der Dragoner in farbenfrohen Uniformen, an Stelle von Gewehren trug man Regenschirme und spielte mit hintergründiger Komik. Die weibliche Gegentruppe, verliebt in zwei Dichter, entfaltete sich in brillanten Soli und im Tutti prächtig. Abgesetzt von dieser Konstellation und gesanglich mit reifer, tragender Stimme agierte dazwischen die Titelheldin Patience (Birgit Casaretto), das Milchmädchen, das schrittweise und mit englischem Humor in die Kunst der Liebe eingeführt wird. Musikalische Höhepunkte waren die beiden Aktfinale, die alle Mitwirkenden zu überzeugenden Leistungen vereinten. Trotz der spartanischen, beim Tutti reichlich engen Bühne blieb den Akteuren Platz für die Entfaltung ihrer schauspielerischen und musikalischen Möglichkeiten, die von Chor und Orchester bis auf kleine Tempodifferenzen sorgfältig und sicher unterstützt wurden.

Auszüge aus der Kritik von Diana Loos, WZ, Wuppertal, 06. Februar  2001

Zwei dichtende Rivalen um die Gunst der Mädchen

Mit “Patience” von Gilbert/Sullivan war in der Stadthalle eine Operetten-Rarität aus England zu sehen.

Bei der Suche nach einem aufführbaren Stück kam ... Classicats auf die Operette “Patience”, deren Libretto von W. S. Gilbert und deren Musik von dem 1900 verstorbenen Kompo-nisten Arthur Sullivan stammen. Um sie aufzu-führen, gehörte nicht nur ein beträchtlicher Aufwand an künstlerischem Personal, Soli, Chor und Orchester, sondern auch und vorweg die Fertigstellung einer deutschen Überset-zung. Nach der deutschen Erstaufführung in Mettmann war die Produktion jetzt im Mendelssohn-Saal zu sehen. ...

... Unter dem stets umsichtigen und einfühlsa-men Dirigat von Karl-Heinz Kensche leistete das VHS-Orchester, Mettmann und Wülfrath Erstaunliches, um den leichfüßig-satirischen Geist der Musik zu treffen und die Sänger her-vorragend zu begleiten. Auch dem zum größten Teil im Orchester plazierten Projektchor (Einstudierung: J. M. Lachenmaier) ist es gelungen, die mal spritzigen, mal lyrischen Chorsätze klangschön vorzutragen. ...

... Gesamtleiter Reinhard Dix ... beherrschte als Colonel die Bühne, nach Kräften unterstützt von Ralph Meisel als Major und Dirk Lueg als Duke. Die beiden in der Gunst der Mädchen rivalisierenden Dichter waren hübsch unter-schiedlich aufgemacht. Tim Sander überzeugte stimmlich und darstellerisch mit kräftigem Bariton und exaltiertem Spiel, als auch äußer-lich mit zotteliger Perücke und Vollbart. Dage-gen wirkte Ullrich Höddinghaus im Mozart-Look geradezu zart und vornehm mit feinsin-niger Selbstironie und entsprechend weicher Stimme. ..

Rheinische Post, Wülfrath, 20. Februar 2001

Comedy Opera “Patience” in Wülfrath:
Bei vorläufig letzter Aufführung hinter die Kulissen geschaut

Die Lebenserfahrung ins Gesicht gemalt

WÜLFRATH/METTMANN. Flötentöne und Violinklänge vor und hinter der Bühne. Stimmübungen in den “Katakomben” der Stadthalle. Theaterkostüme auf Ständern und Geländern. Für einige Stunden glich die Wülfrather Stadthalle am Freitagabend einem kleinen Opernhaus. Auf dem Programm stand die vorläufig letzte Aufführung der Gilbert & Sullivan Comedy Opera “Patience”, einer Koproduktion des Düsseldorfer “Classicats MusikTheaters” und des VHS-Orchesters Mettmann unter Karl-Heinz Kensche. Gut 100 Instrumentalisten, Choristen, Solisten, Techniker sorgten schon geraume Zeit vorher für Theateratmosphäre.

Letzte Probe

“Ich soll ein verlebter Mann in den Vierzigern sein”, meinte Tim Sander, alias Dichter Reginald Bunthorne. Er ließ sich von Maskenbildnerin Michaela Fröhling mit dunkleren Tönen Lebenserfahrung ins Gesicht schminken. Roland Basaldella, Dragoner-Trommler in dem musikalischen Werk um Liebe und Narzissmus, rasierte sich mit Inbrunst. “So ein Kinderpopo soll fürs Schminken besser sein.” Während “Patience”-Darstellerin Birgit Casaretto ihre Perücke aufprobierte, führte Dirigent Kensche mit dem Orchester eine letzte Probe durch. Der Frauenchor sang auf der Vorbühne “Liebeskranke Mägdelein” an. “Den Chor etwas heller!”, ertönte die Stimme von Classicats-Chef Reinhard Dix in Richtung Beleuchter.

Die ersten Veranstaltungsbesucher trudelten ein. Die Musiker stimmten hinter der Bühne noch einmal ihre Instrumente. Irgendwo erklang ein Stück aus dem Violinkonzert von Mendelssohn-Bartholdy. Ein theatermäßiges “Toi, toi, toi” von Kensche an Tim Sander. “Macht’s gut” rief Souffleuse Christina Jungermann den Akteuren zu. Das 35-Mann/Frau-Orchester nahm auf seinen Plätzen vor der Bühne Platz, wo mehrere Stuhlreihen entfernt worden waren. Stille. Beifall für den Dirigenten. Das Spiel konnte beginnen.

Wülfrather haben Humor

Agiert wurde auf der Vorbühne. Da ließ sich Dichter Bunthorne von den liebeskranken Frauen anhimmeln, fand sich aber bald in Konkurrenz zu Dichter Archibald, dem Makellosen (Ulrich Höddinghaus), Milchmädchen Patience, frisch entschlossen sich zu verlieben, sah sich zwischen beiden in Entscheidungsnöten. Hinter dem Vorhang, auf dem “Nebenschauplatz” Bühne, warteten die Gesangssolisten auf ihren Einsatz. Partitur lesend, Gestiken ausprobierend, meditierend. Reinhard Dix, im Stück der statiöse Colonel, verfolgte konzentriert jeden Gesangston, jedes gesprochene Wort. “Ich kann nicht anders”, flüsterte er. Freudig wurden Szenenapplaus sowie die vielen Lacher der Zuschauer registriert. “Auf jeden Fall haben die Wülfrather Humor!” Am Ende des begeisternden Opernabends, erklang als Zugabe noch einmal das wahrlich hinreißende, fulminante Finale des 1. Aktes.